Barrikaden auf der Breiten StraßeAm 30. Oktober 2004 fand der letzte, große Neonaziaufmarsch in Potsdam statt- ein Grund für die Potsdamer Antifastrukturen im Herbst 2004 zu Gegenaktivitäten aufzurufen. Das „Linke Bündnis Potsdam“ und der „ak_antifa potsdam“ mobilisierten überregional, sodass am besagten Tag auch eine Menge Antifaschist_innen von Außerhalb anreisten. Auch bürgerliche Gruppierungen riefen zu Gegenaktivitäten auf, sodass insgesamt etwa 3500 Menschen gegen den Aufmarsch demonstrierten. [1]
Angemeldet wurde die Neonaziveranstaltung von dem Hamburger Neonazikader Christian Worch, welcher auch heute noch im Kameradschaftsspektrum aktiv ist.

Aufruf der NeoNazis zur Demonstration

Aufruf der NeoNazis zur Demonstration

Der Neonazizusammenschluss „Aktionsgruppe Potsdam-Mittelmark“ war für die Durchführung und Bewerbung verantwortlich. Ihrem Aufruf folgten am 30. Oktober etwa 350 Neonazis, vornehmlich aus den neuen Bundesländern. Vertreten waren unter anderem der „Märkische Heimatschutz“ (MHS), „Nationale Bewegung Rathenow“ („Sturm 27“ und „Kameradschaft Hauptvolk“), „Autonome Nationalisten Berlin“, „Lausitzer Front Guben“, die NPD und Neonazis aus Sachsen und Mecklenburg Vorpommern. Die Neonazis der „Anti-Antifa Potsdam“ liefen zusammen mit den mittlerweile verbotenen Berliner Kameradschaften „KS Tor“ und „Berliner Alternative Süd-Ost“ (BASO) im ersten Block. [2]

Flyer zur "Vermoebeln"-Aktion

Flyer zur "Vermoebeln"-Aktion

Durch entschlossenes Auftreten gelang es etwa 1000 Gegendemonstrant_innen die Lange Brücke zu besetzen und damit den Neonazis die vorgesehene Route durch die Potsdamer Innenstadt zu verwehren. Der Aufzug unter dem Motto „Gegen Hetze und Terror von Links“ folgte daher einer Alternativroute durch die Stadtteile Zentrum-Ost und Babelsberg. [3]

Insbesondere in Babelsberg kam es zu lautstarkem verbalen Protest von Anwohner_innen, die auf die Vergangenheit des „roten Nowawes“ hinwiesen und sich dem Aufmarsch entgegen stellten. Dies blieb den insgesamt 3500 Gegendemonstrant_innen, welche sich auf der westlichen Havelseite befanden, leider verwehrt. Auch mehrmalige Versuche einiger Aktivist_innen über die Humboldtbrücke und die Glienicker Brücke zu dem Aufmarsch vorzudringen, blieben nur von mäßigem Erfolg gekrönt.

Aufruf zur "vermoebeln"-Aktion

Aufruf zur "vermoebeln"-Aktion

Im Nachhinein sorgte der Einsatz von Mitgliedern der Bundeswehr für Kritik. So haben sieben Soldaten den Einsatz der Polizei unterstützt, indem sie eine Polizeikette verlängerten. Das verstieß jedoch gegen eine „Bestimmung des Grundgesetzes […],wonach Inlandseinsätze des Heeres ausgeschlossen sind.“ [7] Ursprünglich sollten die Soldaten den Einsatz der aus Berlin angeforderten Polizisten nur beobachten.

Neonazi-Kundgebungen heute
Heute – sieben Jahre später – haben Potsdamer_innen immer noch mit den örtlichen Neonazis zu kämpfen. Zwar tragen deren Strukturen mittlerweile andere Namen und haben sich auch darüber hinaus verändert, die Aktionsformen ähneln sich jedoch in vielen Fällen immer noch. Auch einige bekannte Potsdamer Neonazis wie Benjamin Oe. und Tom S. , die bereits damals in der Neonaziszene unterwegs waren, sind weiterhin aktiv und auf Neonaziaufmärschen präsent. Letzterer zum Beispiel sowohl am 30.10.2004 als auch jüngst am 17.06.2011 im Stadtteil Waldstadt, als die „Freie Kräfte Potsdam“ (FKP) im Rahmen der sogenannten „werde-unsterblich“ Kampagne eine Kundgebung abhielten. [4]

Am 10.09.2011 wollte der NPD Kreisverband Havel-Nuthe eine Kundgebung am Luisenplatz durchführen. [5] Die Anmeldung wurde jedoch kurzfristig wieder zurückgezogen. Die Ursache hierfür könnte sein, dass eine Genehmigung auf Grund des muslimischen Handwerksmarktes, welcher zeitgleich dort stattfand, ausblieb. Andererseits könnte es auch ein Indiz dafür sein, dass die NPD nach dem Austritt von Marcel Guse aus der Partei nicht mehr über die nötige Unterstützung im Raum Potsdam verfügt, um so eine Veranstaltung durchzuführen. [6] Es ist zu beobachten, dass sich die „Freien Kräfte“, gerade auch nach den Blockaden ihrer Großveranstaltungen von 2004 und 2005, eher aktionistisch im Feld der Spontandemonstrationen bewegen. Dies zeigen zum einen die beiden Kleinstaufmärsche der „FKP“ (17.06. und 15.07.2011) als auch die Teilnahme Potsdamer Neonazis an versuchten Spotanaufmärschen in Berlin (14.05. und 15.07.2011).

Am 05. November 2005, versuchte Christian Worch erneut sein Glück, scheiterte diesmal jedoch gänzlich. Der Neonaziaufmarsch konnte durch mehrere Blockaden erst gar nicht von seinem Startpunkt aus los laufen.

Weitere Hintergrundinformationen, Pressemitteilungen, und Zeitungsartikel rund um den 30.10.2004 findet ihr Dienstags, 18 bis 20 Uhr im APAP {Antifaschistisches Pressearchiv Potsdam}.

[1] Potsdamer Neuste Nachrichten – 1.11.2004
[2] http://www.scribd.com/doc/32007568/Rechtsextremismus-in-Potsdam-2005
[3] http://www.inforiot.de/artikel/nazi-aufmarsch-potsdam
[4] http://arpu.blogsport.eu/2011/07/31/vom … %e2%80%9c/
[5] http://www.pnn.de/potsdam/572046/ – 30.08.2011, S. 07
[6] http://arpu.blogsport.eu/2011/07/31/vom … %e2%80%9c/
[7] Neues Deutschland – 19.02.2005; siehe auch PNN 24.01.2005, ND 18.01.2005 und 21.01.2005

weitere Links:
http://www.youtube.com/watch?v=EkNid72w5Uk – Langfassung des Films leider nicht mehr verfügbar
http://de.indymedia.org/2004/10/96853.shtml
http://de.indymedia.org/2004/10/96888.shtml
http://de.indymedia.org/2004/11/97404.shtml